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      2019                                  

 

 la bella vita 

Fritz Stier


  28.02. - 25.03.2020
  la bella vita

  Azimir Burzic
  Bojan Hocevar 
  Rolf Külz-Mackenzie
  Boriana Pertchinska








 

 







 la bella vita

 

La bella vita, das Leben kann gegenwärtig schön sein und das Leben kann gut sein. Beides ist auch aus dem Titel der Ausstellung ableitbar. Wir erleben eine Welt des Überflusses, der Angebote ohne Grenzen, einer unendlichen Unterhaltungswelt sowie einer Flut von Informationen, Bildern und Tönen. Die Regale in den Supermärkten sind übervoll, täglich erreichen uns Werbebotschaften gedruckt, via TV und Internet verbunden mit analogen und digitalen Angeboten, die neue Bedürfnisse für Konsum wecken sollen, die aber auch bezahlt werden müssen, ob nun mit unseren Daten oder mit unserem Geld, das ist oftmals nicht mehr erkennbar.


Wir leben zugleich in einer Zeit der grossen Umbrüche. Hatten wir im 19. Jahrhundert in Europa und Nordamerika die Industrielle Revolution, die neben dem technischen Fortschritt viele soziale Verwerfungen nach sich zog und geradewegs in eine grosse Weltkatastrophe mit dem „Grossen Krieg“, der nur in Deutschland der 1. Weltkrieg genannt wird, führte, in dem nicht mehr Armeen Mann gegen Mann kämpften, sondern erstmals industrielle Technik sowie chemische Kampfstoffe eine Rolle spielten, in der Menschen zu Menschenmaterial erniedrigt wurden und zugerichtet auf eine von den Maschinen bestimmte Warenproduktion bis in den privaten Alltag.


Aus dieser grossen Katastrophe führte der Weg in eine Zeit des Wandels mit Übergängen zur Schaffung neuer Menschenbilder, dem sozialistisch Fortschrittlichen, das sich ideologisch dem Sozialen verpflichtet sah und dem neuen Menschen unter der strengen Hierarchie des Kapitals der im zerstörerischen Nationalsozialismus in Deutschland seinen negativen menschenverachtenden Höhepunkt erreichte.

Immer war für einige Menschen das Leben gut und schön, den Massen wurden Versprechungen aller Art auf eine schöne neue Zeit mit Paradies auf Erden oder im Jenseits versprochen, aber Massenelend war für viele die Folge. Auch aus den Ideologien des Fortschritts waren totalitäre Systeme unter Lenin und Stalin geworden. Das selbstzerstörerische System eines Totenkultes mit Weltmachtanspruch von Adolf Hitler hielt die Menschen durch Propaganda im Griff und die Massen richteten sich bis zum eigenen Untergang in den jeweiligen Systemen ein. Das Leben war und blieb allzeit bis zu einem gewissen Sinne für viele Menschen schön und gut.

 

Künstler und Künste aller Genres und Gattungen bildeten diese Zeitenwenden mit ihren entsprechenden Mitteln ab und produzierten nicht nur gesellschaftskritisches, sondern auch Utopien. Der Impressionismus, der u.a. zu dem flüchtigen Blick aus der gleichmässig dahinfahrenden Eisenhahn in seinen Bildern Entsprechungen fand, der Expressionismus, der mit der Elektrizität und der Bedrohung des Menschen durch die Industrialisierung und Automatisierung als neue Machtfaktoren seinen besonderen flüchtig fiebrigen Ausdruck fand, waren u.a. die Ergebnisse dieser Umbrüche, die über einen Zweiten Weltkrieg hinaus ihren Ausdruck fanden. In der folgenden Abstraktion der Nachkriegszeit sehen viele Kulturhistoriker eine Flucht aus der problematischen Vergangenheit. Erst Fluxus in der Nachfolge des politischen DADA der Zwanziger Jahre setzte sich wieder kritisch mit der Gegenwart auseinander. Die Aktionen und Happenings seit den fünfziger Jahren führten uns zugleich die schöne Werbewelt vor und sie setzten sich mit den atomaren Bedrohungen und dem

 

Vietnamkrieg auseinander. Es folgten neue politische Bewegungen vor allem in Nordamerika und in den westeuropäischen Industriestaaten. Das schöne Leben wurde nicht nur in dem Film „la dolce vita“ kritisch vorgeführt und alle Künste von der Neuen Musik bis zum Theater, von der Bildenden Kunst bis zum Film und den neuen elektronischen Medien (Video) zeigten, was hinter der schönen Oberfläche an Schrecknissen und Widrigkeiten zu finden ist. Nur die Werbung bleibt stets bei „la bella vita“.

 

Es folgen die sozialen Bewegungen vor allem in Deutschland in den siebziger/achtziger jahren: Friedensbewegung, Frauenbewegung, Umweltbewegung. Alle diese Bewegungen werden von Künstlern begleitet und oftmals sogar angeführt. Und nach dem Fall der Berliner Mauer mit dem Zusammenbruch der DDR und des Sovjet-systems kommt für einen Moment der Gedanke auf, dass das Leben nun schön und gut sein wird. La bella vita erscheint zum Greifen nah. Jedoch wird die Chance auf eine friedliche soziale Welt schnell vertan und der gnadenlose neue Kapitalismus führt nur in einem kleinen Teil der Bevölkerung zu Reichtum und Macht, die grossen Massen werden langsam ärmer und ihr Leben durch Arbeitslosigkeit und einen totalitären Kapitalismus bedroht. Wo ist da das „la bella vita“ geblieben? Statt dessen kommen und gehen mit dem Siegeszug der neuen digitalen Technologien die Krisen weltweit. Kriege um Rohstoffe in Afrika, Asien und Süd-Amerika und religiöser Fundamentalismus lösen Fluchtbewegungen aus und die Reaktorkatastrophe von Fukushima macht zudem eine wachsende Klimaproblematik sichtbar. Die Umstellungen der Arbeits- und Lebenswelten durch die Digitalisierung sorgt zudem für sozialen Sprengstoff und eine grosse soziale Unsicherheit. Während ein kleiner Teil der Bevölkerungen immer reicher wird, werden immer mehr Menschen immer ärmer und die Angst vor dem sozialen Abstieg treibt den neuen Nationalisten und Faschisten weltweit Menschen zu, die sich ein schönes Leben erhalten wollen. Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Totalitarismus und Irrationalitäten wachsen nicht nur in Deutschland und Europa sondern weltweit. Eine Radikalisierung kann überall festgestellt werden. Das schöne Leben? Das gibt es in den Unterhaltungsmedien täglich zu bestaunen, nur die soziale Realität sieht oftmals anders aus.

 

Die Künste reagieren unterschiedlich mit ihren Möglichkeiten, ihren besonderen Sensoren und Wahrnehmungsfähigkeiten. Neue Aktionsformen wie die des „Zentrum für politische Schönheit“ wollen mit Aktionen und Provokationen die Gesellschaft auf Missstände aufmerksam machen. Wie in der Musik die Oper weiterhin Bestand hat neben der Zwölftonmusik und der Konkreten Musik, der Elektronischen oder anderen zeitgenössischen Formen, neben dem Jazz und der experimentellen Rock- und Pop-Musik, so stehen weiterhin das Tafelbild, die Druckgrafik, die Installation, das Ready Made, computergenerierte Medienkunst und alle Aktionsformen nebeneinander als künstlerische Techniken. Allen Kunstformen ist gemeinsam, dass sie sich den Problemen der Gegenwart unterschiedlich widmen können. Schönheit muss dabei nicht gegen das Politische stehen solange sich die Kunst nicht Moden unterwirft oder gefällig dekorativ, kitschig und damit „unwahr“ wird. In der Ausstellung „la bella vita“ stehen eine Künstlerin und drei bildende Künstler, deren Bilder unterschiedliche Stile, Techniken und Inhalte haben: Azimir Burzic, Bojan Hocevar, Boriana Pertchinska und Rolf Külz-Mackenzie. Das Ausstellungsthema und der Ort, das PRIMA CENTER, bringt sie zusammen. La bella vita, es ist ein Wunschtraum, der ständig hinterfragt werden muss, vor allem von Künsterinnen und Künstlern. Von wem denn sonst?


Rolf Külz-Mackenzie