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      2019                                  

 

Debora Steinhaus

 EGO SUM... 

18 Kolonie Wedding

 


22.02. - 23.03.2019
EGO SUM...
Autoportrait-Ausstellung mit 18 Künstler*innen

Ana Bathe, Claudia Christann, Katharina Behling, Karin Stuke, Tina Bara, Sandra Ratkovic,

Semra Sevin, Veronika Witte, Alen Hebilovic,

Armin Smailovic, Azimir Burzic, Luigi di Crasto,

Joerg Waehner, Jovan Balov, Nihad Nino Pusija,

Tim Deussen, Savo Spasojevic, Sahin Sisic Sile

 

 

   

   

     

     


EGO SUM...
Treibstoff der Moderne

Kaum, dass ich mich an mein Spiegelbild gewöhnt habe, ist es auch schon wieder verschwunden. Am deutlichsten wird das, wenn ich mir Selfies vergangener Jahrzehnte betrachte. Dann sehe ich die Maske des Alters mit einigen biometrische Signifikanten - mehr nicht. Vor 20 Jahren hieß es noch nicht Selfies, und als Genre waren sie gänzlich unbekannt. Die Handlungen‚ fototechnischer Selbstfixierung‘sind aber bis heute die gleichen. Eine Ausstellung über Selbstportraits von Fotografen ist eine großartige Idee, und müsste eigentlich höher gehangen werden. Wir leben - heute mehr denn je - in Zeiten von Selbsttechniken. Neben Foto und Film sind dies Audioaufnahmen und Druck. Gefühlsgebundene Techniken, die maßgeblich unsere Moderne prägen. Jeder kennt den Schock, wenn er seine Stimme zum ersten Mal über Lautsprecher hört. Techniken, an die wir uns erst gewöhnen mussten, wie die Menschen im 19. Jahrhundert an die Erfindung des Taschenspiegels. Dabei prallen Welten - die von Wirklichkeit und Selbstwahrnehmung - aufeinander. Heute kontrollieren 14-Jährige ganz selbstverständlich ihr Selbstbild mit dem Handy, bevor sie das Haus verlassen. Dabei sind Frauen immer schon anderen Blickpolitik als Männer ausgesetzt gewesen. 10 Fotografen (Künsler)und 8 Fotografinnen (Künstlerinnen) werden in der Ausstellung „Ego Sum...“ im Projektraum Prima Center Berlin gezeigt. Idee war es, einfach mal‘ zu fragen, welche Fotograf*in Selbstbildnisse hat. Von Tina Bara wusste man es, denn sie thematisiert sich seit den 1980er Jahren beständig selbst in ihren Arbeiten. Anders als Katharina Behling, die man eher ihren SZ-Reportagen und -Porträts kennt. Bei Jovan Balov ist das Gesicht als Landschaft schon immer Thema. Im Gegensatz zu Nihad Nino Pušija, den seine fotografischen Milieustudien auszeichnen.Nachdem all diese Fotograf*innen aus unterschiedlichen Feldern kommen, ist die Frage nach ihren Selbstvergewisserungstechniken um so spannender. Und je mehr Bilder dieser Bilder man betrachtet, desto mehr tritt die Form in den Vordergrund. Fotos ansehen heißt mit fremden Augen denken. Detektivisch untersucht man, ob die Arbeit in Armeslänge, mit Zeit-, mechanischem oder pneumatischem Selbstauslöser, über einen Spiegel, Selfie-Funktion oder dem Handy-Stick gemacht ist, oder ob Normal- oder Weitwinkel verwendet wurde. Selbst die Bildqualität - vom Handabzug bis zum Digiprint - wird wichtig. Dabei wird die Form der Selbstvergewisserung oft mit zum Inhalt. So etwa, wenn Alen Hebilovic‘ Kopf kochtopfgroß auf dem Regal neben dem Spiegelschrank im Flüchtlingsheim erscheint, direkt neben dem seines Mitbewohners. Oder Ana Bathe – ihr dienen Selbstporträts als Ausgangsmaterial für Selbstbefragung und -verfremdung. Wie bei keinem anderen Genre schwingt beim fotografischen Selbstporträt immer auch die Selbstkontrolle und die Idee des Selbst als Werk mit. Historische Vorbilder gibt es viele: Man Rays Solarisationen. Erwin Blumenfelds surreale Experimente. Helmuth Newtons Krankenhausbilder. Lee Friedländers Selbstspiegelungen in Schaufenstern. Claude Cahuns, Valie Exports oder Cindy Shermans Selbstinszenierungen oder Nan Goldins Szenereportagen. Alle verlängern sie ihre Halbwertszeit um die eines Fotos und machen sich damit zum Werk ihrer Selbst. Und das passiert heute täglich milliardenfach auf der ganzen Welt, mehr oder weniger bewusst. Diese Vorstellung der Gleichzeitigkeit ist kosmisch. In dem Sinn erscheint die‚ Sorge um das Selbst‘ und seines Bildnisses gleichsam als Treibstoff der Moderne.

 

Christoph Bannat

Autor und Künstler.