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      2018                                  

 

Ivo Pecov

Ilina Arsova

Ana Jovanovska

Zoran Shekerov

Armin Kauker

Goran Ristovski

Vladimir Lukas

Ana Ivanovska

Nikola Smilkov

 Shora Falah Vahdati  

Mr. Ira Schneider & Friends

Man Up - Man Down

 

 

 

23.03. - 25.04.2018

“Verpuppung/ Palimpsest”

Shora Falah Vahdati

Gemälde und Kurzfilme

 

Kurator: Stefan Höppe

   

 

 

 

         

   

   

   

 

 

Zusätzlich zu unserem Arbeitsfokus: „Austausch mit den Kunstszenen aus den Balkanländern“ haben wir auch andere internationale Positionen im Blickfeld, wie zum Beispiel die Arbeit von Shora Falah Vahdati aus dem Iran, die kritische feministische Positionen vertritt und durch ihre Videokunst direkte Stellung zum aktuellen Protest und den im Iran stattfindenden Debatten bezieht.

 

***

 

Die Szene, an die man sich im Angesicht der Gemälde von Shora Falah Vahdati erinnert fühlt, ist eine vertraute: Vertreibung aus dem Paradies. Doch handelt es sich um ein Paradies mit doppeltem Boden, eines, das erst seine Pracht entfaltet, seitdem man ihm entronnen ist. Der Name dieser zurückgelassenen Welt lautet in diesem Falle „Iran", lautet „Kindheit" - und alle Sehnsucht, wieder Heimatboden zu berühren, ist auf sie gerichtet. Immer noch herrscht im Iran ein autoritäres, orthodox schiitisches Regime, und insbesondere Frauen führen dort ein Leben in der Gefangenschaft strenger religiöser Vorschriften, ein Leben backstage, hinter Mauern. Shora Falah Vahdati hat dieses Gefängnis hinter sich gelassen und lebt heutzutage in Paris. Den Iran hat sie mitgenommen in die Fremde, doch als Chimäre: persische Gärten, Hafis, sinnlich-farbenfrohes Ornament. Wenn der Ort der Kindheit nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich in weite Ferne gerückt ist, gilt umso mehr das Diktum Ernst Blochs, es sei die Heimat ein utopischer Ort in der Zukunft, an dem noch niemand war: "Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten." Die Genesis wird sich erst in Zukunft ereignen, Heimat damit zum teleologischen Fluchtpunkt einer bereits in Gang gesetzten Verwandlung.

 

Enthauptete Frauen, tote Vögel, Gesichter im Trauerflor: Den Bildraum durchweht ein post-apokalyptischer Schauder. Verletzlich, fragil und dem Inferno der Geschichte ausgeliefert ist die im Zuge der verblassenden Erinnerung an Glück und Schönheit unbehaust gewordene eigene Identität. Sie ist nur mehr Übergang, abgeworfene Haut, Blickpfad. Der Allgegenwart von Tod und Absterben korrespondiert ein bevorstehender Akt der Überschreibung. Leere, weite Räume, in denen die dargestellten Personen wie verloren scheinen, spannen sich dem geistigen Auge der Künstlerin auf gleich einer Tabula rasa, die nach Neubeschriftung verlangt, während die zurückgelassene Vergangenheit noch aus dem Hintergrund als Spur hervorscheint, aber bereits durch Exotisierung verfremdet. Der englische Essayist Thomas de Quincey vergleicht in Suspiria de Profundis (1845) den menschlichen Geist und besonders das Gedächtnis mit einem Palimpsest: „Immerwährende Schichten von Ideen, Bildern, Gefühlen sind auf deinen Geist gefallen so sanft wie das Licht. Jede Abfolge von Gedanken verbrannte scheinbar alles, was vorher war. Und doch wurde in Wirklichkeit keine einzige ausgelöscht." Allerdings offenbart sich die Erhaltung des Ausgelöschten als Spur immer erst nach Abschluss der Neubeschriftung retrospektiv. Im Akt der Überschreibung selbst ist der Verbleib von Spuren des Überschriebenen ungewiss, die Auslöschung kommt zunächst einer Katastrophe gleich. So auch auf den Gemälden von Shora Falah Vahdati. Durchdrungen von einem noch post-apokalyptisch unterfütterten vorgeschichtlichen Bewusstsein angesichts der Offenheit neu sich eröffnender Möglichkeitsräume, entwirft die Künstlerin das fragile Bild einer Welt im Puppenstadium des Nicht-mehr und Noch-Nicht.

 

Stefan Höppe