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      2008                                  

 

Spasovski OHRIDSKI

Irene Paskali

Urban District 16_11

 Miodrag Peric

SAY MACEDONIA!

Dodic & Nedeljkov

Bitrakova & Lazarevska

Zoran Živković

Sanja Saso

Huskovic & Blazevski

Kruno Jasprica

VIA EMIGRATIA

Art 20

ProjekArt

 

 

 

17.10. - 30-10-2008

REMAINS  [OF OUR DAY]

Miodrag Peric,

Novi Sad, Serbien

     

 

         

        Miodrag Peric

Mit seinem Skulpturenzyklus Remains (Of our day) erforscht Miša Perić nach eigenen Aussagen die verworfene Vergangenheit, die Depersonalisierung sowie die soziale Zerschichtung als Ausgangspunkt des modernen Menschen. Indem er jedoch seine Arbeit in einen modernen Kontext setzt, kreiert der Künstler Werke, die neben jenen allgemeinen Merkmalen, die für die globale Gesellschaft charakteristisch sind und eine Folge der expansiven technologischen Entwicklung sowie der Serienproduktion (Fragmenthaftigkeit, Recycling, Austauschbarkeit, Anonymität, Simulation) darstellen, auch eine spezifische, topographische Qualität aufweisen, die sie wärmer und authentischer aussehen lässt. Der Beweggrund für diese Serie von Arbeiten ist also die nicht weit zurückliegende, dafür aber schnell vergessene Vergangenheit, die allen Menschen, welche in den 70-er und 80-er Jahren auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien im städtischen Umfeld aufgewachsen sind, gemeinsam ist, die aber während der von Katastrophen gekennzeichneten, nationalistischen, kriegerischen und hyperinflatorischen 90-er Jahre in die Sphäre einer nostalgischen Sehnsucht zurückgedrängt wurden, und zwar als Metapher des Wohlstands und der Sorglosigkeit der bürgerlichen Gesellschaft. Perić revitalisiert diese Zeit, doch er tut das nicht durch Lamentieren und eine passive, "schöne", intime und in sich gekehrte künstlerische Praxis, die das Gefühl des Trostes, ja sogar des Genusses vermittelt, sondern vielmehr durch eine Fragen aufwerfende, aktive Kunst, welche gleichzeitig sowohl die Vergangenheit, als auch die Gegenwart mittels "spezieller Spiegel" - wie dies Brecht zu sagen pflegte -  reflektiert und somit auch gänzlich unerwartete Effekte produziert.

         

         

         

Der Künstler dekontextualisiert Gegenstände, die als Statussymbol der bürgerlichen Schicht galten oder oftmals verwendet wurden, um dann durch technologisch fortschrittlichere Utensilien verdrängt zu werden. Er tut dies, indem er sie skulptural formt und in seltsame Relationen zu Formen bringt, die sich sowohl im Hinblick auf ihren Ursprung, als auch im Hinblick auf ihren ontologischen Status stark voneinander unterscheiden. Die Apologie des alltäglich verwendeten Gebrauchsgegenstands, dessen Form (oder Fragment) der Autor übernimmt, ist in der Kombination, bzw. im Kontrast zu nicht utilitären Formen in allen Werken allgegenwärtig. Hybride Konstrukte erinnern an Ausgrabungen der industriellen Archäologie, deren Funktion es erst zu rekonstruieren gilt, aber auch an Bodriarsche Auflösungen oder an Sinnesverluste in der aktuellen Hyperproduktion dirigierter Informationen, die den Künstler aus der Position des Mediums der Skulptur zum Wiederstand treiben. Auf diese Weise entstehen Werke, die eine ästhetische Provokation (avantgardistische Errungenschaft) in sich enthalten, welche bei der Rezeption Widerstände wach werden lassen, was wiederum ein Deautomatisierung des Betrachtens, eine Steigerung der Empfindsamkeit gegenüber Dingen sowie eine kritische Überprüfung der Wirklichkeit seitens des Rezipienten zur Folge hat. Im Geiste des Kopernikanismus von Sloterdijkowski bietet Perić mit seinen Objekten die Möglichkeit, dass "wir die Welt nicht so sehen, wie sie wirklich ist, sondern dass wir ihre 'Wirklichkeit' in unseren Gedanken mit den Sinneseindrücken konfrontieren müssen, um zu 'begreifen', was es mit ihr auf sich hat.“

 

Alogische Verknüpfungen heterogener Elemente schaffen einen "grammatisch und syntaktisch inkorrekten Ausdruck", der auch als "Regel einer verschobenen Konstruktion" (D. Burljuk) bezeichnet werden kann. Im skulpturalen Feld prallen unterschiedliche Modelle der bildenden Kunst aufeinander (das Mimnetische mit dem Nicht-Mimnetischen), es werden verwirrende Relationen des Organischen und Nichtorganischen geschaffen (Hirschgeweihe, Stahlbänder, Ready-made-Objekte …), während die übliche Positionierung der Dinge im Raum durcheinander gebracht wurde. Es kommt zu einer semantischen Verschiebung, da die Bedeutung der Elemente durch Relationen bestimmt ist, die diese im Werk selbst herstellen. Bedeutung und Sinn werden von neuem hergestellt, und zwar im Rahmen der durch den Skulpturenkontext festgelegten Parameter, bzw. durch deren innere strukturelle Beziehungen. Durch Akkumulierung, Juxtaponierung und Verflechtung von Materialien unterschiedlicher Qualität, Energie und Bedeutung enstehen neue visuelle Konstrukte, die keine zufälligen hyperrealistischen Kollisionen sind, sondern eine Antwort des Künstlers auf die Komplexheit und die Segmentierung der Welt, in der wir heute leben, darstellen.

 

Die Möglichkeit der automatischen Identifizierung von Gegenständen und Materialien, aus denen die Skulpturen bestehen, wird auf später verschoben oder neutralisiert, da die Gegenstände vergrößert, fragmentiert und auseinandergebaut sind, während das eigentliche Ursprungsmaterial so bearbeitet wurde, dass dessen physikalische Substantialität (Elastizität, Textur, Farbe, Härte ...) verschleiert wird. Die im Vordergrund stehenden Teile, die zugleich Träger sozialer, ideologischer und symbolischer Bedeutungen sind, weisen den größten Grad an Zweideutigkeit auf, weil sie gleichzeitig verführerisch und erschreckend, anziehend und abstoßend wirken. Die verwendeten Materialien wurden mimikriert, oftmals sogar bis zur Unkenntlichkeit verändert. Ein Beispiel dafür ist Holz, aus dem eine riesige Tuba ist, die Falten aufweist, welche für dünnes Metallblech charakteristisch sind. Im Werk "Allein außer sich" wird dieses jedoch biegsam wie ein aus Gummi bestehendes, strahlendes und zu einem Knoten zusammengebundenes Rohr, aus dem etwas Schwarzes fließt. Mit ihren technologischen Eigenschaften ähneln die Skulpturen dem Leben und seiner Veränderlichkeit sowie letztendlich seiner Vergänglichkeit, da sie aufgrund der Entscheidung des Künstlers dem natürlichen Verfallsprozess ausgesetzt werden: Stahl - Rost, Holz - Wurmfraß, organisches Material - Fäule.

 

Der Polyptychon "Überreste unseres Tages" setzt sich aus einer ganzen Reihe von zerstörten Videokassetten aus Stahl zusammen, aus denen metallene Bänder fallen, aber auch aus benutzten Fotofilmen sowie aus einer zu einer Fratze verzogenen Maske. Den Kassetten wird dadurch ein antromorpher Charakter verliehen, so dass sie auf eine fast gesepnstische Art und Weise zeigen, dass sie eine bestimmte Art der Existenz und des außerhalb unserer Kontrolle liegenden Verhaltens in sich bergen. Die Hohlräume werden zu Augen-Fenstern, auf die sich die Beobachtung von Paul Klee beziehen kann, dass "die Gegenstände nun mich betrachten". Das, was die Videokassetten garantieren sollen, ist Dokumentierung, Objektivität der Vorstellung sowie das Bewahren der registrierten Situation, des jeweiligen Ereignisses vor der Vergessenheit. Der Künstler verhält sich ihnen gegenüber wie zu Trägern der vorgeschriebenen Bedeutungen und festgestellten Funktionen auf zweierlei Art. Nicht ohne eine Dosis edelmütiger Trauer erinnert er uns an das Verschwinden der bürgerlichen Schicht und das Invergessenheitgeraten all jener kleinen, alltäglichen und wunderschönen Dinge, die so wertvoll im Privatleben der Menschen in den nicht durch Politik belasteten 70-er und 80-er Jahren waren, er erinnert aber auch an die Rolle des Fernsehens, der Videoaufnahmen und Fotografien, die in den 90-er Jahren in diesen Gegenden das mächtigste Manipulationsmittel mit politischer Konnotation darstellten. Durch das "Auseinandernehmen" der Videokassetten ist der Autor bestrebt, sie symbolisch zu dekonstruieren, indem er ihre Innereien zum Vorschein bringt, die keine Verwendung mehr finden, da sie nichts mehr speichern und für die Nachwelt erhalten, sondern vielmehr die aus den Machtzentren dirigierten Bilder und Ereignisse nichtig machen.

 

Abschließend kann man sagen, dass das, was man beim Betrachten der skulpturalen Interventionen von Miša Perić sofort wahrnimmt und was in der modernen Kunst keine selbstverständliche Qualität darstellt, eine stark ausgeprägte schöpferische Disziplin des Künstlers ist. Jedes Werk wurde tadellos mit Hilfe von nicht routinenhaften, unverbrauchten technischen Verfahren realisiert, die auch weiterhin von einer Zufriedenheit des Sich-Überlassens der expressiv-manuellen Aktivität zeugen. Und gerade dieser Ansatz des Künstlers bewirkt, dass seine Skulpturen unter anderem auch durch ihre strukturale Pracht Erstaunen hervorrufen.

                                                           

Ljiljana Karadžić

2008