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     2006                                  

 

Marina Cvetanovska Martinovska

 Emilija Duparova

Vidoje Tucovic

Ottjörg A.C.

Anka Danailovska

Miodrag Peric

Dijana Tomic Radevska

Revolt MKD

Archi Galentz

Armin Kauker

Birgit Maria Wolf

Beyond the light and the colour  

Dusan Todorovic

Wadim Rakowski

Ulrike Markert

Sun for All

 

15.12. - 28.12.2006

Emilija Duparova

"EYES WIDE SHUT"
 

                    

 

         

 

         

Emilija Duparova   

Augen weit geschlossen

 

Obwohl der neue Zyklus von Emilija Duparova auf den ersten Blick als vollständige Wende wirkt, kann man ihn genauer als ein neues Kapitel in der fest definierten Eigenständigkeit ihres Opus deuten. Wenn wir ihn durch das Prisma des multidisziplinären Schaffens betrachten, das ein Schlüsselcharakter für die Künstler der 90-er Jahre hatte, und das bei Duparova die Malerei, das Ambiente, das Video,  die performativen Elemente und die Fotografie umfasste, drängen sich die rezenten Werke ein, als eine Sublimation der bisherigen Forschungen, als Hülse um die Achse des Grundgefühls für die Welt, das sie als Künstlerin, und da es sich um Selbstportraits handelt, nehme ich mir die Freiheit zu behaupten, auch als eine Privatperson bestimmt.

 

         

 

         

 

         

 

Vielleicht kann der kurze Überblick über das Opus von Duparova mittels grober Erinnerungsfilter am besten den gemeinsamen Nenner aller ihrer scheinbar dichotomen Projekte hervorheben. In ihren abstrakten Bildern können wir ihn als ein Durchdringen der Leinwandoberfläche von der Intensität der Farben und ihrer Substanz schildern, und als Sättigung des Ambientes durch Material, Licht und Klang in den Performances, dem Video und den Fotografien. Ich werde das subtile, aber dem Ergebnis nach entscheidende Verhältnis der Künstlerin zu ihrem eigenen schöpferischen Trieb, als Selbstverlust deuten, beziehungsweise als bewusste Verankerung in der Wirklichkeit, die sich in den visuellen Künsten als eine rationale Konstruktion und/oder als klare Verleugnung der Form manifestiert, im Wirbel von anlockenden sensorischen Reizen. Ein Wirbel, der tief schallt, bis zu den schläfrigen Figuren, versteckt unter der knirschenden Laube, unter den transparenten Stoffschichten, ankommenden Wellen des goldenen Staubs und der dicken Schicht Schminke. Die Aufführung dieser träumerischen Welt verlangt einen langen, der Trance ähnlichen Prozess, eine Ritualisierung der Bewegung und der Prozedur bis zur Erfüllung des intuitiven Erlebnisses jenseits der Kategorie der rationalen Wahrnehmung der Welt.

 

         

 

         

 

         

 

Im rezenten Zyklus setzt sich diese Neigung zum Rituellen und zum Unbewussten auf mehreren Ebenen mit den modernen technologischen Verfahren und mit der zeitgenössischen Besessenheit vom Gesicht und Körper, die mit dem entscheidenden Kriterium der Autoreferenz gekennzeichnet ist, auseinander. Emilijas digitale bzw. digitalisierte Aufnahmen, die mit der UV – Technologie auf speziell dafür vorbereitete Leinwand gedruckt  werden, zeigen zwei Motive: Den statischen Gesichtsausschnitt, der das identifizierende Dreieck von Augen, Nase und Mund umfasst, sowie die dynamische Darstellung des Körpers in Bewegung. Folgerichtig, der Ebene der dynamischen Darstellung entsprechend, „verschwindet“das regungslose Gesicht  unter der aufgetragenen Schminke, während der tanzende Körper mit dem Lichtbündel verschmilzt, ohne uns dabei wissen zu lassen, ob er von dem Klang oder von der Veränderung der Valeurs der Farben in Bewegung gesetzt wird. Was macht diese einfache Geschichte so besonders?

 

In der Zeitperiode nach dem Fall der grandiosen mentalen Konstruktionen aus Modernismen, bildeten der nackte Körper und das Gesicht eine, auch wenn tautologische, Endgrenze der Wirklichkeit und der Ehrlichkeit. Angekündigt hat sie das Konzept der freien Liebe, des Body Paintings und der empfindsamen Psychedelik der 60-er Jahre, sowie das paradoxe gleichzeitig erschienene Preisen des Schmerzes in dem sadomasochistischen rituellen Schaffen der Wiener Aktionisten, das sich erst in den immer repressiver und düsterer werdenden Jahrzehnten mehr beeinflussend zeigt. Unter dem Aspekt der engagierten Kunst, die in den letzten Jahrzehnten des Jahrtausends herrschte, erlebten die Künstler ihren eigenen Körper nicht nur als Visualisierung des menschlichen Maßes in der immer kälter werdenden korporativen Umgebung, die in der Kunstsphäre aus den entscheidenden Maßgaben im Kunsthandel bestand, sondern auch als ideales Medium, um die zeitgenössischen Dilemmata auszudrücken; sei es durch das „objektive“ Prisma der dokumentarischen Ästhetik, sei es durch die „subjektive“ Direktheit der Darstellung. Im dritten Jahrtausend aber ist all das zum Mainstream geworden.

 

Das Werk von Emilija Duparova, umhüllt von den eigenen Obsessionen, besteht von Anfang an autistisch und außerhalb der Sphäre des Hauptgeschehens, wartend auf Zeiten wie diese, wo die Nicht- Zugehörigkeit zum Trend als ein Zeichen für die Ursprünglichkeit und für das Talent gedeutet wird. Das dem Anschein nach einfache Opus ist eine Allegorie für die Position der Autorin. Die horizontalen Prints mit Tänzerinnen unter dem Scheinwerferlicht, generiert mit den Aufnahmen ihrer früheren koloristischen Komposition, feiern den königlichen Fries der unpersönlichen, gefühllosen und vergrößerten Selbstportraits, bemalt mit eigener Hand in der Vision von heidnischen Masken. Duparova teilt sich nicht mit durch den Krieg, den politischen Zusammenbruch, das Mann-Frau Verhältnis, die Distribution der Gerechtigkeit, die von den Massenmedien unterstützte Tyrannei des globalen Kapitals, oder durch irgendeine andere vergängliche Kränkung der modernen Zivilisation. Ihr nichtsehender Blick ist genau über die Köpfe gerichtet, klar wie ein tiefer Riss in jeder Pore und gleichzeitig außerhalb des Fokusses,  wie der mittlere Teil jedes gedruckten Bildes. Gerichtet in die Ferne, in ständiger Veränderung jenseits  ephemer Wirklichkeit, in Räume, die durch die Anreger des künstlerischen Schaffens bestimmt sind: die Gefühlssinne für Farbe, Klang und Geruch. Ich habe nie im Leben eine deutlichere Darstellung des Syntagmas weit geschlossene Augen gesehen.

Die berühmte deutsche Künstlerin Katherine Sieverding produzierte in den 70-er Jahren Zyklen mit  titanisch teutonisch vergrößerten Bildern ihres Gesichtes. Sich der technischen Besonderheiten chemischer Prozesse bedienend, multipliziert Sieverding ihr Gesicht in Friesen übermenschlicher Masken  von unbestimmtem Geschlecht, Alter und Rasse. Das inhärente Heidentum ihrer Werke deutet auf nicht absehbare kulturwissenschaftliche Abgründe hin, die man als Folge der primitiven Kraft der ankommenden technologischen Zivilisation geahnt hatte. Demgegenüber weisen die dreißig Jahre danach entstandenen Visionen von Emilija Duparova,  nach der Erfahrung der erfüllten Ängste, nicht nur auf das geweckte Interesse für traditionelle Kunst hin, sondern auch auf mythische Räume der Synästhesie der Sinne, sowie auf die vorzivilen Zeiten, die durch die Teilung der Totalität des menschlichen Potenzials beendet wurden, und auf die fragmentierte Wirklichkeit von heute. Aber das neue Gefühl für Kunst schließt in sich die komplizierte formale und semantische Struktur der Ganzheit moderner Visualisierung ein. Sich mit der Maloberfläche identifizierend, nimmt Dubarova vorerst die Vorgehensweise der inhärenten teutonischen  Gleichstellung von Subjekt und Objekt auf. Danach werden die Sachen beschleunigt. Das Hauptverfahren der Gesichtsbemalung mit geschichtlich-kulturellen Konnotationen des Aktes selber transmutiert durch die Prozesse des Photographierens, Digitalisierens, Ausschneidens, Vergrößerns und  Druckens in Teamarbeit, entsprechend der heutigen multidisziplinären visuellen Formen wie Film, Fernesehen und Billboard. Es gilt, dass die Suggestion der Darstellung wächst, und zwar proportional zu den Medien, die sie gestalten, und  zu der Energie, die jedes von ihnen hineinbringt, und exponentiell mit der Stufe der Verfremdung der Persönlichkeit des Schöpfers. Nicht nur dass wir vor uns nicht Emilijas Gesicht sehen, sondern die Maske ist auch nicht von ihrer Hand gemacht. Vor uns ist eine neue Qualität, hergestellt durch die Kumulation verschiedener Produktionseingriffe, eine kalte medialisierte Entität intensivierter Farben und vollkommener Darstellung: das göttliche Gesicht der neuen Kunst. 

 

Branko Franceschi

 

Übersetzung aus dem Kroatischen Elizabeta Lindner